„Vielleicht etwas altmodischer werden“

© Dietrich Krauss im Stadtbüro unserer Zeitung Foto: Holzwarth

Früher Journalist, jetzt Kabarettist: Dietrich Krauss im Stadtbüro unserer Zeitung Foto: Holzwarth

Bericht von Jürgen Gerrmann in der Nürtinger Zeitung am 13. Juli 2016

„Übertrumpft Satire klassischen Journalismus?“: Eine spannende Frage wurde vorgestern Abend im Rahmen des Nürtinger Bezirkskirchentags erörtert. An einem ungewöhnlichen, aber dennoch passenden Ort: dem Stadtbüro unserer Zeitung am Obertor. Und von einem kompetenten Referenten: Dr. Dietrich Krauss, der für die „Anstalt“ im ZDF schreibt.

„Kirche darf nicht in den eigenen Mauern sitzen bleiben“, erklärte Dr. Markus Geiger, der Geschäftsführer des Evangelischen Bildungswerks in Nürtingen, den Impetus, dieses große Miteinander der evangelischen Christen im Dekanat nicht nur in Gemeinderäumen, sondern auch andernorts, wo es passt, stattfinden zu lassen.
„Vor zwei Jahren hätte ich mir noch nicht gedacht, dass wir immer wieder zu solchen Vorträgen eingeladen werden“, erklärte Dr. Dietrich Krauss gleich zu Beginn. Dass er Kompetenz für dieses Thema hat, ist nicht zu bezweifeln: Der gebürtige Crailsheimer arbeitete früher selbst als Journalist – beim SWR. Erst danach wandte er sich dem Kabarett zu. Und sagt heute: „Wir von der ,Anstalt‘ sind Symptom der Vertrauenskrise gegenüber den Medien.“ Oft hörten er und sein Team: „Eigentlich seid ihr die richtige Nachrichtensendung.“
Eine Kabarettsendung mit Faktencheck hinterher
Diese Menschen kritisierten hauptsächlich, dass es in den klassischen Medien (sei es nun Zeitung oder Fernsehen) einen „zu engen Meinungskorridor“ gebe – und dass Nachricht und Meinung viel zu oft vermischt würden.
Im Gegensatz dazu sei das Konzept der „Anstalt“ ungewöhnlich: „Eine Kabarettsendung mit einem Faktencheck im Internet, mit dem man jede einzelne Nummer nachvollziehen kann.“
Journalismus und Kabarett ergänzten sich ja im Grunde: „Die einen liefern den Stoff, die anderen spielen damit. Wir sind quasi der kleine schmutzige Bruder.“ Das Ziel der Journalisten sei es, richtige Aussagen über die Welt der Tatsachen zu treffen: „Unsere Wahrheitsebene ist eine andere.“
Die „Anstalt“ sieht er dabei als „Gegenreaktion auf das, was in den herkömmlichen Medien schiefläuft“. Über den Ukraine-Konflikt oder die Griechenland-Krise sei zum Beispiel sehr einseitig berichtet worden: „Hier die gute junge Ukraine, da der böse Russe, Hier der verschwenderische Grieche, da der gute Deutsche, der hilft. Da war der Kanal für viele einfach voll.“
Und deswegen habe sich die „rechte Seite“ die Medienkritik zu eigen gemacht. Motto: „Wir wollen auch mal die andere Seite hören!“ – Auch das Team der „Anstalt“ bedaure. „Es wird nicht mehr ergebnisoffen diskutiert, sondern oft in eine Richtung agitiert.“ Das sei sogar in der Rentendebatte so und werde in der Außenpolitik noch verstärkt – überall laute die Botschaft (von Politikern und Medien): „Es gibt keine Alternative, wir haben keine Wahl!“
Die Satire habe derweil auch andere Positionen hochgehalten – die der einfachen Griechen zum Beispiel. Mit einer riesigen Resonanz: „Das Beispiel der ,Anstalt‘ zeigt – es braucht im Grunde nur drei Leute, um solch eine wahnsinnige Aufmerksamkeit zu erwecken.“
Die „moralische Überhebung“ der Empörung über den russischen Einfall auf die Krim sei natürlich ein gefundenes Fressen für die Satire gewesen. Da habe man nur daran erinnern müssen, wo der Westen schon überall einmarschiert sei. Auch dass Politik und Medien stets von der „Griechenland-Rettung“ gesprochen hätten, gehe in diese Richtung: „Es wurde in Wahrheit nur unseren eigenen Banken geholfen, nicht den Menschen dort.“
Auf so etwas Altmodisches wie eine Tafel, an der jemand etwas erklärt, zurückzugreifen, sei früher für eine Unterhaltungssendung tabu gewesen. Aber Information und Gags zugleich zu bieten, sei „die einzige Berechtigung, die wir mit unserer Sendung haben“.
Das Konzept: „Die Nachrichten stimmen, aber das Setting, das wir machen, ist natürlich künstlerisch.“ Das sei sicher eine Herausforderung für das Publikum, aber auch eine Weiterentwicklung: „Damit kann man auch ganz anders umgehen als früher.“
Eins räumte Krauss auch ein: „Wir stehen auf ganz vielen Schultern von Journalisten, die was machen.“ Aber man müsse auch einschätzen, wem unter denen man trauen könne.
Er, der selbst 20 Jahre im „normalen Journalismus“ gearbeitet habe, erlebe die einstigen Kollegen nun oft als „empfindlich und auch feindselig“.
Das sei zum Teil verständlich: die Zeitungsbranche sei krisengebeutelt, (nicht nur) Journalistenstellen würden gestrichen. Und plötzlich kämen Leute daher und sagten etwas völlig anderes als die Mainstream-Presse.
Er bedaure, dass die Journalisten das nicht sportlich sähen und stattdessen eine „Wagenburg-Mentalität“ entwickelten: „Die wenigsten beschreiben, was wir in der ,Anstalt‘ wirklich machen, sondern nehmen reflexartig eine ideologische Einordnung vor.“ Zum Beispiel unter dem Motto „Plumper Anti-Amerikanismus!“.
Ihm und seinem Team begegneten da „ganz viel Ressentiments und ganz wenig Analyse“. Letzteres werde den Lesern der sogenannten „Leitmedien“ ohnehin generell nicht mehr zugemutet: „Bei den großen journalistischen Trendsettern gibt es viel Meinung, aber wenig Info-Generierung.“
Die Konsequenz für ihn daraus? „Ich fände es gut, wenn manches vielleicht wieder etwas altmodischer würde. Und man ganz einfach mal die Lage beschriebe, ohne den Leuten gleich eine moralische Einordnung mitzuliefern.“
Was Krauss (der übrigens auch für die „Heute-Show“ schreibt) noch stört: Der herkömmliche Journalismus „schaut immer, was die anderen machen“. Man schaue sich die Konkurrenz-Zeitungen an, und an der Spitze der Verlagshäuser heiße es dann (zum Beispiel) immer. „Die ,Süddeutsche‘ hat das drin – warum haben wir das nicht?“
Da gebe es „eine Art Herdentrieb“: „Wenn die Wichtigen oder die anderen was machen, laufen alle hinterher. Und keiner traut sich auszuscheren.“
Wie aber sieht es mit der Verantwortung der Leser aus? Sogar als Lokalredakteur erlebt man ja Anrufe (von rechts, von links, von der Mitte) unter dem Motto: „Wenn du nicht schreibst, was ich will, oder wenn du mich kritisch kommentierst, bestelle ich die Zeitung ab!“ Eine Zeitung kann man abbestellen, das ZDF aber nicht.
Krauss dazu: Es gebe eine Untersuchung, laut der Leser, wenn sie sich besonders für etwas engagierten, jede nur geringe Abweichung davon als feindlich empfänden. Vielleicht resultiere ja dieser Furor gegen Journalisten daraus.
Wobei auch klar sei: Auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen werde eben das gezeigt, was die Seher sehen wollten. Kurzum: „Es gibt keine einfache Lösung. Man kann nicht alles auf die Journalisten schieben. Man muss auch das Publikum mit in die Pflicht nehmen.“
In der Debatte reflektierte Krauss aber auch die eigene (jetzige) Zunft: „Es ist schon erstaunlich, mit welcher Nonchalance manche Kabarettisten über die Welt schwadronieren.“
Und für sein Team stellte er klar: „Wenn Kabarett wehtun muss, dann muss es wehtun.“ Wie zum Beispiel, als man im Vergleich aufgezeigt habe, dass sowohl Bibel als auch Koran von Gewalt gezeichnet seien. Freilich: „Wir haben keinerlei Interesse an einer persönlichen Herabsetzung.“