„Gedanken über Hunger – warum sollen die wichtig sein? Uns geht es doch gut heute? Wir haben doch ganz andere Sorgen?“ Prof. Dr. Luzia Sutter Rehmann, Theologin, Titularprofessorin Neues Testament an der Universität Basel, richtet diese Fragen an die circa 40 Besucher, die am Donnerstagabend in die Auferstehungskirche gekommen sind, um ihren Vortrag „Die Wut über den Hunger als zentrales Thema der Bibel“ zu hören.

Willi Kamphausen, der die Idee hatte, Luzia Sutter Rehmann nach Kirchheim einzuladen, benennt die Dringlichkeit des Themas: „Der Hunger ist real. Wir sehen das heute auch in Kirchheim. Die Vesperkirche mag ein Zeichen dafür sein.“
Tatsächlich fällt Hunger in der Bibel auf den ersten Blick kaum auf. Sutter Rehmann verdeutlicht ihrem Publikum an diesem Abend, dass die Bibel sehr wohl von Hunger spricht, aber dass die meisten Übersetzungen materielle und existenzielle Nöte ins Symbolhafte interpretiert haben. Ursachen für Hunger, wie zum Beispiel die Härte eines Regimes, würden einfach ausgeblendet. Der Hunger werde erst erkennbar, wenn man die Bibel unter einem anderen Blickwinkel liest. Dieser neue Blickwinkel könne uns helfen, Hunger zu erkennen – nicht nur in der Bibel, sondern auch im Jetzt – und somit Veränderungen zum Positiven bewirken.
Sutter Rehmann verdeutlicht die Aktualität des Themas, indem sie es auf unsere heutige Gesellschaft überträgt. „Selig sind die Armen, selig sind die Hungrigen“, hieße es, und in der Realität sehe es so aus, dass „wir uns vor den Flüchtlingen fürchten“, sagt sie. Sie erklärt den „roten Faden des Hungers“ am Beispiel der außergewöhnlichen Dürre in Syrien im Jahr 2008. Die Dürre im Nordosten Syriens, der Kornkammer der Region, führte dazu, dass die Menschen in Städte flüchteten, dort aber ebenso desolate Zustände vorfanden. Letztendlich entlud sich ihre Wut in Aufständen und in der Anti-Assad-Bewegung. Die Wut sieht sie aber auch als Mittel zur Veränderung. Die in der Bibel beschriebenen Menschen litten, aber sie gaben nicht klein bei: „Von ihnen können wir heute lernen, wie man kämpft gegen die Mächte und Übermächte.“
Weitere Beispiele, die sie für den unmittelbaren Zusammenhang von Hunger und daraus resultierende Unruhen aufzeigt, sind die Aufstände von 2008 in Ägypten, Pakistan, Haiti, Bangladesch und in weiteren Ländern und Regionen, als zahllose Menschen auf die Straßen gingen. Zu jedem aktuellen Beispiel legt Sutter Rehmann eine Textstelle in der Bibel dar, die auf Hungersnöte hinweist. „Hunger ist oft derjenige Faktor, der andauernde soziale Spannungen zur Entladung bringt.“
Nach dem Vortrag lädt Dr. Markus Geiger vom Evangelischen Bildungswerk zu Rückmeldungen ein. Auf die Frage eines Zuhörers, wie es etwas bewirken soll, wenn man den Blick auf den Hunger lenkt, kontert Sutter Rehmann, dass man „nicht nur draufschauen, sondern wahrnehmen“ solle. Das bedeute, dass man beim Anblick von Hungernden nicht in der Zuschauerrolle verharren, sondern Verantwortung als Bürger übernehmen solle: „Ich möchte lernen, so zu sehen, dass das Erbarmen mich erfasst“, fügt sie hinzu.
Willi Kamphausen fragt sich, wie die Rückmeldungen sowohl spirituell als auch materiell geprägter Menschen auf diese Thesen seien. Sutter Rehmann erzählt, dass die Reaktionen immer sehr vielfältig seien und sie den Eindruck habe, dass es sich um ein „schwieriges Thema“ handle, das viele erst einmal verstummen ließe, weil andere Blickwinkel eben Veränderungen bewirken und Veränderungen wiederum Widerstand auslösen. Ihre Art, dem Thema Leben einzuhauchen, führte zu emotionalen Reaktionen im Anschluss des Vortrages. Elfriede Tremmel freute sich über die „sehr strukturierte“ Form des Vortrages, und dass für sie „ganz neue Aspekte“ zur Sprache kamen. Sie begrüßte auch die Gelegenheit, „eine Frauenstimme in der Kirche zu hören“.
Den Blickwinkel zu ändern indem man nicht betet „erlöse uns von der Schuld“, sondern „erlasse uns unsere Schulden“, wie Sutter Rehmann es neu übersetzt, erregte die Gemüter der Zuhörer. Schließlich leitete Luzia Sutter Rehmann wieder zum Kernpunkt über: „Wir müssen bei den Hungrigen beginnen. Wir müssen sie entdecken. Das verwandelt uns. Das Wunder beginnt nicht da, wo alle satt sind, sondern vorher – wo Erkennen und Liebe zusammenkommen.“