Bericht von Peter Dietrich im Teckboten am 12.5.2016

Für ein hebräisches Wort gibt es oft einige deutsche Interpretationen. Foto: Peter Dietrich

„Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“: Fünf Sitzungen haben die Kursteilnehmer gebraucht, um einmal Psalm 23 zu lesen. Das Gebet ist kurz, doch sie lesen es auf Hebräisch.
von PETER DIETRICH

Nürtingen. 13 Frauen und acht Männer sitzen an diesem Morgen beim fünften Termin der dritten Sprachkursstaffel im Nürtinger Laurentius-Gemeindehaus zusammen. „Ich brauche es nicht, ich bin Rentner“, sagt Hans Binder aus Kirchheim. „Mir macht das biblische ­Hebräisch einfach Spaß.“ Er hatte beruflich viel mit Sprachen zu tun, hat an der Volkshochschule Latein gelernt und kann Kyrillisch lesen. „Ich finde das nicht schwer“, sagt er zum ­Hebräischen.

Immerhin etwas leichter macht es der Neueinsteigerin aus Frickenhausen neben ihm, dass sie eineinhalb Jahre in Israel gelebt hat und Neuhebräisch kann. Es gibt zwar Unterschiede, aber das Alphabet ist gleich. Eine Prädikantin, also Laienpredigerin aus Neckartailfingen ist bereits die dritte Runde dabei. Sie hofft durch die Originaltexte des Alten Testaments auf neue Erkenntnisse. „Was er zwischen den Zeilen sagt, das bringt es, seine theologischen Aussagen“, sagt sie über den Kursleiter Pfarrer Dr. Werner Grimm. Auch Christoph Burckhardt ist Prädikant und in seiner dritten Runde, sie ist ihm die Herfahrt aus Stuttgart wert. Bei strittigen Übersetzungen interessiert ihn das hebräische Original. „Selbstständig hebräisch zu lesen, zu dem Punkt komme ich nie“, meint er.

Grimm nimmt die Kursteilnehmer an die Hand, wie es wohl kein anderer könnte. „Das ist jetzt schon Fortgeschrittenenstufe III“, sagt er, als es sprachlich vertrackt wird. Es sei gemein, dass der Hebräer ständig die Vokale verschiebe. „Schalten Sie ruhig mal ab, hören sie mir nicht zu“, meint er bei einem kurzen Exkurs. Er schafft das Kunststück, dass zugleich Anfänger und Fortgeschrittene vom Kurs profitieren. Sie haben Ordner, Schreibblöcke und Bibeln bereit, Grimm hat sie mit einem hebräischen Alphabet und einer Kurzgrammatik versorgt. „Wenn man genau hinschaut, ist Psalm 23 ein vierstrophiges Gedicht zu je vier Zeilen, in jeder Strophe steht ein Wort im Mittelpunkt“, sagt er. Jedes gehöre zu einem Aspekt menschlicher Sehnsucht: Wasser, Weg, Tisch und Haus.

Im Deutschen verändert sich beim Genitiv der Besitzer, es heißt das „Haus des Vaters“, im Hebräischen verändert sich das Haus. Wenn es wörtlich „die Gesamtheit der Tage meines Lebens“ heißt, wo in der Lutherbibel 1984 „immerdar“ steht, ist das sogar ein doppelter Genitiv.

Wort für Wort geht Grimm mit den Kursteilnehmern die vierte Strophe durch. „Die Konsonanten sind entscheidend, die Vokale nur eine Lesehilfe.“ Das deutsche Wörtchen „ach“, findet sich auch im Hebräischen wieder, ist quasi ein Urlaut. Tov, das hebräische Wort für gut, erläutert Grimm, könne sowohl „sittlich gut“ als auch „ästhetisch schön“ bedeuten.

Laut Lutherbibel spricht der Psalmdichter davon, dass ihm „Gutes und Barmherzigkeit“ folgen. Andere haben mit Gnade, Huld oder Güte übersetzt. „Das ist, warum wir hier sind“, sagt Grimm, „das ist alles nicht ganz falsch.“ Doch das hebräische Wort drückt kein Gefälle aus, sondern ebenbürtige Freundschaft und treue Liebe. Weiter geht es im Psalm, dessen Hoffnung auch vor der Todesgrenze nicht haltmacht.

Nach der Brezelpause folgt ein Exkurs über das Verhältnis zwischen Altem und Neuem Testament. Zwischen den Zehn Geboten und Jesu Warnung vor dem Mammon, dem Besitz als Götzen, besteht völlige Harmonie, an anderen Stellen treffen sich Verheißung und Erfüllung. Grimm hat einen vierzeiligen Text ohne Quellenangabe mitgebracht. Er wird gemeinsam entziffert und ist erstaunlich aktuell. Er berichtet von einem Einhalten des Völkerrechts mitten im Krieg, Gefangene werden versorgt und nach Hause gebracht. Der Abschnitt aus dem zweiten Buch der Chronik im Alten Testament ist eine erstaunliche Vorlage für weit Bekannteres: dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter, das Jesus erzählt hat. 

Die nächste Kursstaffel beginnt am 11. Oktober. Informationen unter www.ebiwes.de.
 

Werner Grimm im Gespräch mit Peter Dietrich über Martin Luthers Übersetzungskunst

„Oft hat der wirkliche Luther besser übersetzt als die Revisionisten“, sagt Pfarrer Dr. Werner Grimm. Mit Revisionisten sind die Theologen gemeint, die die Lutherbibel immer wieder sprachlich überarbeitet haben, etwa in den Jahren 1912, 1956/64 und 1984. Ab Oktober 2016 ist die Lutherbibel 2017 erhältlich, die zum fünfhundertjährigen Reformationsjubiläum erscheint.

In Psalm 23 gibt es Diskussionen über eine Feinheit: Meint der Psalmist, dass er immer wieder zum Haus Gottes zurückkehrt, wie ein Gottesdienstbesucher, oder dass er ständig dort bleibt, wie ein Priester? „Ich neige zum ständigen Bleiben“, sagt Grimm, und findet Luthers Formulierung „werde bleiben im Hause des Herrn immerdar“ sehr gelungen.

Er präsentierte aber im Kurs auch eine Fehlleistung Luthers, die bisher merkwürdigerweise nicht korrigiert wurde. In der Lutherbibel 1984 liest sich Micha 6,8 so: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“ Das mit „Gottes Wort halten“ stehe nicht da, sagt Grimm. „Da hat Luther mit dem hebräischen Begriff nichts anfangen können.“ In ihm gehe es darum, für das Recht einzutreten, damit auch der Arme zu seinem Recht komme, um soziale Gerechtigkeit. So entstehe in dem Vers ein magisches Dreieck: Es reiche von der Gerechtigkeit in der Gesellschaft über die emotionale Verbundenheit mit den näheren Menschen bis zum Verhältnis zu Gott. „Beim ‚demütig sein‘ steht ein ganz seltenes hebräisches Wort. Es beschreibt einen, der einen Weg geht, hörend und mit Ehrfurcht die Winke von oben vernehmend.“