Teilhabe für alle!? 08.10.2016

Brief des BAKS an KGR Bernhausen

© R. Genth

Teilhabe für alle!?
Was haben ein Trip in den Urwald, ein Tafelladen, eine TV-Journalistin, eine Schulklasse und eine Wohngruppe für Menschen mit Demenz gemeinsam?
Alle betroffenen Podiumsteilnehmenden mussten für sich oder ihre Sache kämpfen, damit Teilhabe möglich wurde.
Das wurde beim Thema am Nachmittag am 8. Oktober 2016 im Stadthaus deutlich, zu dem der Bezirksarbeitskreis Senioren im Kirchenbezirk Bernhausen (BAKS) und die Initiative „Forum Gesellschaft inklusiv“  in Ostfildern eingeladen hatten.  
Anwesende Schwerhörige konnten Teilhabe direkt erfahren, dank der von der Stadt ange-schafften Anlage für Hörgeschädigte. Dies wurde möglich durch eine Spende der „Aktion Mensch“.
Nach der Vorstellung der Podiumsteilnehmer durch  Dr. Markus Geiger, Bildungsreferent und Geschäftsführer beim Ev. Bildungswerk im Landkreis Esslingen, berichteten 6 Betroffene von Ihren Erfahrungen.
Erich Knoll, Abteilungsleiter Soziales Miteinander und Leben im Alter der Stadt Ostfildern und zuständig für das „Forum Gesellschaft inklusiv“, machte deutlich, dass das Bemühen um In-klusion in Deutschland durch die UN Behindertenrechtskonvension angestoßen wurde. Aber es ist noch einiges zu tun, bis bei uns ein Bewusstsein dafür wächst, dass für Menschen mit körperlichen, geistigen, seelischen und sozialen Handicaps Teilhabe in der Gesellschaft selbstverständlich ermöglicht wird. 
Trijntje Blaauwbroek,  Mitarbeiterin in der ambulanten Wohngruppe für Menschen mit De-menz des Vereins „Lichtblick“ im Nachbarschaftshaus, Scharnhauser Park / Ostfildern, berich-tete vom Tagesablauf der 7 Frauen und 2 Männer, die in ihrem Alltag begleitet werden. Die All-tagsarbeiten werden gemeinsam verrichtet. Die Räume der Wohngruppe sind mit ihren ver-trauten Dingen eingerichtet und  vermindern Unsicherheit und Ängste. Die Kooperation mit der Kita im Allgenerationenhaus, gemeinsame Feiern, Gottesdienste, Ausflüge fördern die ge-genseitige Wertschätzung und Akzeptanz und lassen sie teilhaben am Leben im Stadtteil.
Saskia Melches, bis vor kurzem aktive Mitwirkung im „Forum Gesellschaft inklusiv“, stellv. Schriftführerin im Verein „Mobil mit Behinderung“ und durch eine Muskelerkrankung  seit 17 Jahren körperlich eingeschränkt, sitzt im Rollstuhl, übt verschiedene Ehrenämter aus und be-richtet von ihrer Situation.Ihr Kampf um Selbstständigkeit, um die Möglichkeit ihr Leben selbst zu organisieren, ist beeindruckend. Frau Melches stellt ihre Assistenzkräfte selbst ein und plant deren Einsatz. Sie möchte selbstständig, eigenständig - wie jeder andere -  leben. In die-sem Jahr hat sie im Rollstuhl eine Reise in den peruanischen Regenwald am Amazonas ge-wagt.
Tanja Herbrik, verantwortlich für die  Diakonie- und Tafelläden und Fachbereichsleiterin im Kreisdiakonieverband Esslingen für den Bereich Armuts-und Beschäftigungsprojekte, berich-tet von einer steigenden Zahl armer Menschen für die es wichtig ist, günstig Lebensmittel und Kleidung kaufen zu können. Besonders betroffen sind Hartz IV Empfänger, Aufstocker, Rent-nerinnen, Alleinerziehende und Flüchtlinge. Die Waren sind Spenden von Bäckereien und Supermärkten. Die Tafelläden sind Hilfe vor Ort. Mehr als 70 Ehrenamtliche arbeiten aktiv mit. Langzeitarbeitslose sowie 1-Euro- Jobber  werden beschäftigt und für den ersten Arbeitsmarkt vorbereitet.
Zuhal Mössinger-Soyhan  lebt mit der Glasknochenkrankheit und sitzt im Rollstuhl. "Ich bin ein Glückspilz", sagt die TV-Journalistin. In ihrem Buch  "Ungebrochen – mein abenteuerli-ches Leben mit der Glasknochenkrankheit" hat sie ihre Geschichte aufgeschrieben. In der Türkei geboren wurde sie als 3-Jährige durch ein Erdbeben verschüttet und erst Stunden spä-ter mit vielen Knochenbrüchen gefunden und nach Deutschland zur Behandlung gebracht. 3 Jahre musste sie im Krankenhaus verbringen und lebte danach in einem Heim für Körperbe-hinderte. Mit 18 Jahren wurde sie entlassen und begann auf eigene Initiative Schulabschlüs-se zu machen und zu studieren. Heute arbeitet sie als TV Journalistin beim bayrischen Fern-sehen und lebt in Ostfildern. Sie hat es trotz aller Widerstände geschafft, sich ein selbstständi-ges Leben aufzubauen, ihre Teilhabe zu erkämpfen.
Hans-Helmut-Seidel, 2. Vorsitzender  der Familienentlastenden Dienste (FED) im Kirchenbe-zirk Bernhausen und Lehrer an der  Heusteigschule in Stuttgart, berichtet von seinen Erfah-rungen der Inklusion mit Schülern mit verschiedenen Behinderungen. Z.Zt. bemüht er sich um einige sozial behinderte Schüler, die im Verhalten und emotional große Schwierigkeiten haben.Die genehmigte Assistenz von Förderschullehrern ist zu gering. Dies ist eine Belas-tung für die Lehr-
kräfte.
Der FED  ist mit seiner Hilfestellung sehr gefragt. Viele Familien sind zu betreuen (z.Zt. 97) Über 91 Ehrenamtliche helfen mit. Es werden Mitarbeiterschulung, Einzel- und Familienbe-treuung angeboten. Die Förderung durch den Landkreis reicht nicht aus. Spenden sind nötig und eine Stiftung unterstützt den FED.

Nach diesen Statements der 6 Betroffenen hatten die Besucher die Gelegenheit in kleinen
Gruppen bei den Referenten persönlich nachzufragen, um weitere Informationen zu erhalten. Im Plenum berichteten die Referenten anschließend, was in den Gruppengesprächen ange-sprochen wurde. Für alle war die Möglichkeit, von ihrer Situation und Aufgabe berichten zu können und Gehör zu finden, wohltuend.
Auch in den Kirchengemeinden ist noch manches nötig, um Menschen Teilhabe am kirchli-chen Angebot zu ermöglichen. Dazu soll ein Brief des Bezirksarbeitskreises an die Kirchen-gemeinderäte im Bezirk Bernhausen dienen. In diesem Brief geht es um Beseitigung von Hin-dernissen, die es Menschen mit Einschränkungen schwer machen, an den Angeboten in den Gemeinden teilzunehmen.
Mit dem Dank an alle Teilnehmenden und einem Segenswort beendete der Vorsitzende des BAKS, Pfr.i.R. Richard Genth, die Veranstaltung.