Kirchheimer Reihe zum Reformationstag

Eine Reformationsveranstaltung mit Dr. Ellen Ueberschär, der Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentags.
Freitag, 28. Oktober 2016, 19:30 Uhr; Evangelische Martinskirche, Kirchheim / Teck

Ein Bericht von Peter Dietrich (Journalist)

„Den kirchlichen Kopf nicht in den Sand stecken“/Die Pointe des Grundgesetzes
Kirche und Staat Das deutsche Verhältnis zwischen Staat und Kirche ist besonders, aber nicht mehr selbstverständlich. Dr. Ellen Ueberschär sprach dazu in der Martinskirche.

Seit 2006 ist Dr. Ellen Ueberschär Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentags (DEKT). Geboren wurde sie in Ost-Berlin und erlebte dort das Christsein im Sozialismus. Zum Thema „Kirche und Staat“ hatte sie das Evangelische Bildungswerk im Landkreis Esslingen eingeladen.
Nach einem pfiffigen Rumba vom Posaunentrio gab der DEKT-Bezirksbeauftragte Peter Treuherz die Einführung: Glaubens-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit gehören ins Grundgesetz, da waren sich dessen Mütter und Väter einig. Darin auch die Stellung der Kirchen festzulegen, dieser Antrag von CDU/CSU, Zentrum und DP wurde 1948 mit einer Stimme Mehrheit abgelehnt. Stattdessen wurden die Kirchenartikel der Weimarer Verfassung von 1919 ins Grundgesetz aufgenommen, sie gelten bis heute.
Religionspolitik stehe auf der Agenda, sagte Ueberschär. „Es wird nichts nützen, den kirchlichen Kopf in den Sand zu stecken und darauf zu vertrauen, dass die Parteien  mit dem C im Namen alles so lassen.“ Viele religionspolitische Debatten wurden hoch emotional geführt, von der Abschaffung der Staatsleistungen über die Islamkonferenz bis zur Beschneidung. Die Parteien seien sich erstaunlich uneinig, es gäbe überraschende Konstellationen: „Die FDP fordert seit langem die Abschaffung der Kirchensteuer, das steht auch im Wahlprogramm der Linken. Einige wollen vor allem das Streikrecht in Diakonie und Caritas einführen, andere das gesamte kirchliche Arbeitsrecht abschaffen.“ Auch Parteien seien auf Engagierte angewiesen. „Selbst die, die eine zu große Staatsnähe der Kirchen beklagen, leben von aktiven Mitgliedern, die oft in christlichen Jugendgruppen demokratische Grundfertigkeiten gelernt haben.“
Es sei falsch, auf Karlsruhe zu warten. „Politik muss in der Bürgergesellschaft und im Parlament gemacht werden. Christen sollen nicht nur denen das Feld überlassen, die einfach alles abschaffen wollen, was historisch in Deutschland gewachsen ist.“
Zur Historie: Luthers „Landesherrliche Kirchenregiment“ hielt als Provisorium etwa 400 Jahre, die große Zäsur kam erst 1918. „Der politische Kampf ging zunächst um Staatsleistungen und Kirchensteuer. In Preußen ging es um die Konfessionsschulen und den Religionsunterricht.“ Das in der Bundesrepublik gepflegte Modell der kooperativen Trennung zwischen Staat und Kirche, so Ueberschär, sei „Gegenmodell zur nationalsozialistischen und marxistischen Religionspolitik“. Die symbolträchtige Profanierung von Kirchen verstärke aktuell das Bewusstsein der postchristlichen Gesellschaft. Aber: „Dem Satz ‚Ich bin überzeugt, dass Religionen eher schädlich sind‘ stimmten 2013 auch in Ostdeutschland nur 20 Prozent zu, im Westen 15 Prozent.“
Die Kirchen hätten nie so gute Bedingungen gehabt wie im säkularen Staat, er halte sich heraus und garantiere positive und negative Religionsfreiheit. Er fördere die Arbeit religiöser Einrichtungen, es gebe Bildungsurlaub für Kirchentagsfahrer und das Gemeindefest auf dem Marktplatz. Zur freiheitlichen Gesellschaft gehöre auch die negative Religionsfreiheit, also die Möglichkeit, keiner Religionsgemeinschaft anzugehören oder sie zu wechseln. „Die Kirchen haben lange gebraucht, diese Verknüpfung von negativer und positiver Religionsfreiheit anzuerkennen.“
Vorrangige Aufgabe der Kirchen sei nicht, ihre institutionellen Eigeninteressen durchzusetzen, sondern dafür zu sorgen, dass die Säkularisierung nicht „entgleise“. Sie sollten als biblischer „Sauerteig“ solidarisches Verhalten offensiv fördern und fordern. Ueberschär ist gegen den „freiwilligen Rückzug, dem die Ordnung im eigenen Herzen wichtiger ist, als dem sozial- und gesellschaftskritischen Vorbild Jesu zu folgen“.
Die Kirchen, riet Ueberschär, sollten sich auf keinen Fall an der Diskriminierung der religiösen Symbole des Islam beteiligen, sonst sägten sie am eigenen Ast: kein Muezzin – kein Glockenläuten, kein Kopftuch – keine Schwesterntracht und keine Kruzifixe in der Schule. „Die Pointe des Grundgesetzes ist gerade die Gleichbehandlung aller Religionen und Weltanschauungen.“
 
Fragen der etwa 100 Zuhörer an Dr. Ellen Ueberschär
* Wäre sie dafür gewesen, den Gottesbezug in die EU-Verfassung aufzunehmen?
„Ja, natürlich.“ Die Mehrheit der Europäer habe noch immer eine christliche Verankerung, und die übernatürliche Anbindung diene dem Schutz der Menschenwürde.
* Würde sie in Deutschland einen muslimischen Feiertag einführen?
„Jetzt haben wir nächstes Jahr erst einmal einen evangelischen Feiertag durchgesetzt“, sagte Ueberschär lachend. Dann ließ sie die rund 100 Zuhörer abstimmen, eine Mehrheit war dafür, andere unentschlossen. „Wir müssen das diskutieren.“ Vorschlag eines Zuhörers: Solle man dafür einen zweiten christlichen Feiertag opfern? Gemurmel. „Das ist dann die nächste Frage, dann haben wir erst richtig Spaß in der Bude.“
* Ist es nicht gefährlich, wenn man Religion nur auf ihren Nutzen für die Gesellschaft beschränkt?
„Christsein hat viel andere Facetten, es beschränkt sich nicht auf Diakonie und Caritas. Aber gerade Menschen aus den Kirchengemeinden sind in der Gesellschaft überdurchschnittlich engagiert, das ist ein auffälliger Befund. Oft werden die Kirchen zu tragenden Säulen, wenn es darum geht, eine lebenswerte Stadt und ein lebenswertes Dorf zu erhalten.“
* Klappt das beim Kirchentag 2017 mit dem Massentransport von Berlin nach Wittenberg?
Alles werde bestens geplant, auch der Transport von Berlin und den sechs „Kirchentagen auf dem Weg“ zum großen Abschlussgottesdienst. „Es gibt keine organisatorischen Gründe, nicht nach Wittenberg zu fahren.“ pd

Ein Blick nach Frankreich
Viele Kritiker des deutschen Modells schauen nach Frankreich. Doch das dortige Bild ist vielseitig. In Folge von Reformation und Gegenreformation blieb Frankreich – wie Spanien auch – ein römisch-katholischer Monopolstaat. Das katholische Monopol war so stark, dass sich die Wut der Revolution von 1789 gegen die enge Verflechtung von Monarchie und Papstkirche richtete. Ellen Ueberschär sagt dazu: „Die Französische Revolution befreite die Gesellschaft aus der Klammer des katholischen Klerus. Für Juden, Christen und Freidenker hatte das positive Konsequenzen, ihre faktische Anerkennung.“
Beim französischen Laizismus geht es um ein gesellschaftliches Prinzip, dass Religion der Privatsphäre angehört und nicht im öffentlichen Raum sichtbar sein darf. Grundlage ist ein Gesetz von 1905, das auf drei Prinzipien beruht: der religiösen Neutralität des Staates, der Freiheit der religiösen Betätigung und der Trennung von staatlicher Macht und kirchlichen Institutionen.
„Trotz dieses Gesetzes“, so Ueberschär, „gibt es in Frankreich mehr konfessionelle Schulen als in Deutschland. Und durch die Enteignung auch der Kirchen und Kathedralen kommt der Staat für deren bauliche Unterhaltung auf.“ pd