19.11.2018 - Klartext unterwegs - Wem vertrauen? Christliche Verantwortung in turbulenten Zeiten

 

Montag, 19. November 2018, 20.00 Uhr
Pfarrhaus der evangelischen Kirchengemeinde Hohengehren, Pfarrstraße 30, 73666 Hohengehren

Eine interessante Hausaufgabe
Andreas Malessa nimmt im Pfarrhaus Hohengehren die AfD unter die Lupe

In Deutschland leben rund 19 Millionen Leute mit Migrationshintergrund. Ist das Islamisierung? „Zweidrittel von ihnen sind so katholisch wie Horst Seehofer“, stellte der Journalist und Theologe Andreas Malessa vor den Zuhörern im voll belegten Hohengehrener Pfarrhaus klar. Er war auf Einladung der evangelischen Kirchengemeinden Hohengehren und Baltmannsweiler und des Evangelischen Bildungswerks dorthin gekommen. „Weitere zehn Prozent sind orthodox und rund ein Viertel Muslime.“ Genauer: Sie kommen aus überwiegend muslimischen Ländern. Damit ist nicht gesagt, dass sie diesen Glauben auch praktizieren – genauso wie bei den 23 Millionen deutschen Protestanten. „Die Säkularisation unter Muslimen ist ein Geheimnis.“
Kümmern sich die Hochschulen im Land jetzt nur noch um „Gender“? Von bundesweit rund 45 000 Lehrstühlen, sagte Malessa, seien 140 diesem Thema zugeordnet, das sind unter 0,4 Prozent. „Wir dürfen nicht vom gefühlten Zustand des Landes ausgehen“, bat Malessa um den genauen Blick auf Zahlen und Fakten. Auch bei der Homo-Ehe, die in Deutschland nur 0,05 Prozent der Ehen ausmache. Und die Scheidungen? „Die meisten Geschiedenen verstehen ihren Schritt nicht gegen die Ehe, sie wollen eine bessere Ehe.“ Auf Basis von Fakten sei es nötig, sich um echte Probleme zu kümmern: Altersarmut, Wohnungsnot, Armut trotz Arbeit, Pflegenotstand. Welche Flüchtlinge tatsächlich die öffentlichen Kassen plündern, lasse sich an den Beträgen erkennen: Diese Flüchtlinge fliehen nicht vor Krieg, sondern vor der Steuer hinein in Briefkastenfirmen.
Malessa hat in der Bibel nachgezählt: Beim allerersten Pfingstfest waren Leute aus 17 Nationen dabei, 3000 ließen sich taufen und wurden bald in alle Winde zerstreut: „Wir Christen entstanden aus einer multikulturellen Flüchtlingsbewegung.“ Neben der Vernunft gebe es, wie Martin Luther betonte, für Christen noch einen weiteren Maßstab: das an Jesus Christus gebundene Gewissen. „Ein Christ vertraut darauf, dass Gott tatsächlich so ist, wie Jesus ihn schildert.“ Also ein Gott mit Empathie, den es jammert, wenn er die Menschen leiden sieht. Malessas Hausaufgabe für die Zuhörer: sich mit Jesus beschäftigen, prüfen, wie er mit Menschen umging, und das dann mit dem politischen Personal vergleichen. Wie Leute wie Bachmann und Höcke da wohl abschneiden, als „wessen Geistes Kind“ sie sich erweisen?
Als Angela Merkel im September 2015 die Flüchtlinge ins Land ließ, war das für Malessa eine „Nichtanwendung nach wie vor geltenden Rechts aus humanitären Gründen“. Für eine solche Gewissensentscheidung gebe es weitere Beispiele: als Helmut Schmidt bei der Hamburger Sturmflut 1962 die Luftwaffe im Inland einsetzte, als am 9. November 1989 die DDR-Volkspolizisten nicht schossen.
Im Juli 2015 wurde die AfD von rechts gekapert, blickte Malessa zurück, es bildeten sich in der Partei drei Gruppen und 20 Prozent der Mitglieder traten aus. Der Förderer Hans-Olaf Henkel stellte fest, er habe „ein Monster“ geschaffen. Das Schema der Rechtspopulisten, wenn sie an die Macht kämen, sei immer gleich, siehe Türkei, Polen und Ungarn: „Zuerst gehen sie auf die Medien los, dann auf die Justiz, dann auf die Verfassung.“
Ein Einwand in der Diskussion: „Aber die AFD kümmert sich doch um den Lebensschutz.“ An praktischer Hilfe komme da von der AFD nichts, sagte Malessa. Schwangere in Not zu begleiten, sei eine nötige, aber sehr anspruchsvolle Aufgabe. Einfach aus Protest die AFD wählen? „Seite an Seite mit Pegida haben Protestwähler keine Ausrede mehr.“ Und was ist vor Ort zur tun? „Nicht naiv sein, aber im Ort für ein humanitäres Klima sorgen“, empfahl der Referent dem Schurwald.
Peter Dietrich, Journalist