„Dieses Mal werden sie es nicht schaffen“

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aus der Nürtinger Zeitung vom 21.05.2019, von Irina Korff

Michael Blume hat eine Aufgabe, die man in unserer Gesellschaft eigentlich gar nicht brauchen sollte: Er ist der erste Antisemitismusbeauftragte in Baden Württemberg. Warum braucht man einen Antisemitismusbeauftragten und was ist eigentlich Antisemitismus? Darauf gab der promovierte Religionswissenschaftler und Politologe in der Stadtkirche St. Laurentius Antworten.

NÜRTINGEN. Bekannt wurde Blume, weil er jesidischen Frauen und Kindern aus dem Nordirak geholfen hatte, vor allem in Baden-Württemberg Sicherheit und Zuflucht vor dem Islamischen Staat zu finden. Von März 2015 bis Juli 2016 leitete er diese Projektgruppe „Sonderkontingent für besonderes schutzbedürftige Frauen und Kinder aus dem Nordirak“. Blume arbeitet seit 2003 im Staatsministerium Baden-Württemberg und ist 2018 auf Vorschlag des Ministerpräsidenten zum Antisemitismusbeauftragten der Landesregierung berufen worden.

Dazu kam es, als 2005 ein jüdisches Massengrab am Flughafen Stuttgart gefunden wurde. Der damalige Ministerpräsident Günther Oettinger wollte, dass Michael Blume zwischen den verschiedenen Positionen vermittelte. Um das Jahr 2010 nahmen die Meldungen über Antisemitismus zu. Die jüdische sowie die muslimische Gemeinde wünschten sich, dass Michael Blume weiterhin eine vermittelnde Position einbehielt und so schlug dann letztes Jahr der Ministerpräsident ihn als Antisemitismusbeauftragten vor.
Er selbst stamme aus einer nicht christlichen Familie, habe sich erst mit 18 Jahren evangelisch taufen lassen, erzählt Blume. Doch er lebt das Miteinander der Religionen. Seine Frau ist Muslima und die drei Kinder feiern christliche, wie auch muslimische Traditionen. Die Kinder sind in beiden Religionen gesegnet worden und dürfen sich später selbst entscheiden welcher sie angehören möchten.
Der Filderstädtler erlebt in seinem Alltag Anfeindungen und Hass, hat Personenschutz und trotzdem hat er keine Angst. „Ich hatte keine Angst vor dem Islamischen Staat, also lass ich mich vor Rechtsextremen, oder antisemitischen Abgeordneten auch nicht einschüchtern“, sagte Blume mit einem kleinen Lachen.

Warum braucht man einen Antisemitismusbeauftragten? Man sollte doch eigentlich meinen, Antisemitismus sei ausgestorben. Doch durch die neuen Medien ist er wieder da und nimmt zu. Und das weltweit. Doch warum? Um das zu verstehen gibt Blume einen Überblick angefangen von der Geschichte bis zur Gegenwart: Jesus sei Jude gewesen und ein Nachfahre Noahs, so auch Sem. Sem sei Noahs ältester Sohn gewesen und wenn man der Bibel glaube, gingen alle Menschen auf Noah zurück. Und ohne das Judentum könne man das Christentum nicht verstehen. Die Religionen bauten aufeinander auf. Doch schon im Alten Testament habe das Judentum Gegner gehabt. Es entwickelte sich Hass und Antisemitismus So sei der Antisemitismus über die Jahrhunderte seinen Weg gegangen. „Immer wenn neue Medien in der Zeitgeschichte hinzukamen, wurde die alte Welt erschüttert und die Antisemiten suchten sich Schuldige“, erklärte Blume.

Im Internet verbreiten sich Hass und Antisemitismus schnell.
Beispielsweise als der Buchdruck erfunden wurde. Das neue Medium wühlte Europa auf und es kam zur Kirchenspaltung. Martin Luther rief sogar in seiner letzten Schrift auf, die Juden zu vertreiben. „Man kann also überspitzt sagen, dass Luther einerseits Reformer war, aber auf der anderen Seite Antisemit“, sagte Blume. Im 20. Jahrhundert seien Radio und Film eingeführt worden. Die Nationalsozialisten hätten vor allem das Radio genutzt, um die Weimarer Demokratie zu zerstören. Adolf Hitler habe den Mythos aufgestellt, dass Arier und Juden zu ewiger Feindschaft verdammt seien.
In der heutigen Zeit komme ein weiteres, sehr großes Medium hinzu: Das Internet. Dort gebe es große Abgründe von Hass und Rassismus. Mit wenigen Klicks könne digitale Radikalisierung gelingen. Das Internet und die Sozialen Medien verhelfen dem Antisemitismus zur neuen Blüte. Ein Beispiel, wie aus dem Netz auf die Straße solche Themen gelangen, gibt Blume wie folgt: In Baden-Württemberg gebe es eine rechtsradikale Partei, die ein Plakat aufgehängt habe, auf dem stehe „Israel ist unser Unglück und wir hängen nicht nur Plakate“.

Als weitere Beispiele nannte Blume die beiden Rapper, die im vergangenen Jahr einen Musikpreis für ein Lied bekamen, das sich despektierlich über die Opfer des Nationalsozialismus äußerte. Zudem habe es vor zwei Jahren einen Übergriff auf die Synagoge in Ulm gegeben. Die Täter seien bis heute unbekannt. „Das bereitet mir große Sorge“, sagte Blume. Sorge bereitet ihm auch, dass junge Menschen ihre Informationen aus dem Netz holen, aus dem das Lokale immer mehr verschwinde und die internationale Ebene dominiere.

Blume machte deutlich, dass jeder Mensch dafür Verantwortung trage, dass kein Keil in die Gesellschaft getrieben werde und Minderheiten nicht angegriffen würden. Doch Michael Blume gibt in seinen Ausführungen auch die Hoffnung, dass die Antisemiten sich dieses Mal nicht durchsetzen, da die Gesellschaft früher aufwacht und die Bevölkerung sich für das Thema interessiert. „Dieses Mal werden es die Antisemiten nicht schaffen unsere Demokratie zu zerstören, dieses Mal nicht“, sagte er. Leider wollten nur 35 Menschen diesen wichtigen Vortrag hören. Die jedoch beteiligten sich im Anschluss an einer regen Diskussions- und Fragerunde.