„Die Vernichtung von Ethik und Moral“

© Günter Kahlert

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Der Ökonom Prof. Dr. Christian Kreiß spricht in der Kirchheimer Auferstehungskirche über „Wege in eine menschliche Wirtschaft“ und Luther als Ideengeber                                 von Günter Kahlert

Der Herr Professor spricht in sachlich-engagiertem Ton, aber eigentlich zieht er ziemlich vom Leder. Christian Kreiß lässt an der aktuellen, neoliberalen Wirtschaftstheorie kein gutes Haar. „In der modernen Ökonomie wird alles an Ethik und Moral vernichtet“, bringt er als Ökonom und Christ seine Sichtweise drastisch auf den Punkt. Bei der Veranstaltung der „Stiftung Martinskirche“ nimmt er in seinen mehr als einstündigen Ausführungen die gängigen „Axiome“ der Wirtschaftswissenschaft auseinander. „Axiome“ sind „gültige Wahrheiten, die keines Beweises bedürfen“.

Da ist beispielweise die „Unersättlichkeit“ oder die Annahme „Gier ist gut“. „Das ist immer noch der aktuelle Stand“, erzählt Kreiß, „Bescheidenheit oder Genügsamkeit finden sie in den Lehrbüchern nicht.“ Oder die Annahme, dass Zinseszins und Eigentum in unbegrenzter Höhe gut, richtig und wichtig sind. „Das führt alles dazu, dass wir in Deutschland pro Jahr 550 Milliarden Euro an leistungslosem Einkommen haben“, zitiert Christian Kreiß die Angaben der Sachverständigenrates der Bundesregierung. Das sei weit mehr als der Haushalt der Bundesregierung (2020 – 359 Milliarden). Es könne nicht gutgehen, wenn 10 % der Menschen in Deutschland 60 % des Nettovermögens besitzen, die untere Hälfte der Bevölkerung nur 2,5 Prozent. Auch das keine eigenen Zahlen, sondern offizielle Angaben des Bundesbank.

Als Hauptübel sieht Professor Kreiß das geltende Kerndogma der Betriebswirtschaftslehre: die Gewinnmaximierung. „Was heute so selbstverständlich klingt, ist noch gar nicht so alt“, erklärt der Ökonom und Wirtschaftshistoriker. Bis in die 80er-Jahre hinein sei in der Wirtschaftstheorie noch vom Allgemeinwohl, Moral der Unternehmenslenker und Wohl der Kunden die Rede gewesen. Gewinn sei nicht als Ziel der Unternehmen definiert worden, sondern als Ergebnis der Erfüllung von Kundenbedürfnissen. „Das hat sich radikal verändert“, resümmiert Kreiß. Ein schon seit den 50er-Jahren laufender erbitterter Kampf der Denkschulen, den die neoliberale Fraktion um Ökonomen wie Milton Friedman gewonnen hätten. „Politisch fand das erstmals seinen Niederschlag in Ronald Reagan und Margaret Thatcher“, schildert er den geschichtlichen Ablauf.

Die Folgen des Gewinnmaximierungs-Dogmas sind nach Ansicht von Christian Kreiß fatal und zerstörerisch für die Gesellschaft. Mitarbeiter seien nur noch „Humankapital“, den Kunden versuche man nur noch möglichst viel mit möglichst kurzer Haltbarkeit zu verkaufen, Umweltbelange verursachten nur Kosten und schmälerten den Gewinn, Löhne sollten möglichst niedrig sein, Zulieferer würden gedrückt und so weiter. Es seien sogar Begriffe geprägt worden, die die wahren Absichten verschleiern. Steigerung des „shareholder values“ nennt er einen, also den „Wert“ für die Aktionäre. „Da geht es aber nicht um Werte, da geht es schlicht um Profit. Das liest sich aber nicht so gut“, meint Christian Kreiß dazu. Ziel sei ständiges Wachstum und Massenproduktion. Die aber erfordere Massennachfrage und Masseneinkommen. Und genau dieses Einkommen hinke hinterher. Ergebnis: die Menschen verschulden sich. „Die Schulden sind heute höher, als vor der Finanzkrise. Das fliegt uns um die Ohren“, konstatiert er nüchtern.

Der Professor von der Aalener Hochschule spricht dabei nicht von der Warte des viel zitierten „akademischen Elfenbeinturms“. Von 1995 – 2002 war er selbst als Investmentbanker tätig. „Wenn wir einen Unternehmenskauf finanziert hatten gab es danach drei Unternehmensziele: profit, profit und profit“, erzählt er.

Aber wie kommt jetzt bei den aktuellen Betrachtungen Martin Luther ins Spiel, den er auch immer wieder zitiert? „Luther hat in seinen drei ökonomischen Werken so vieles über Gewinnstreben, Geiz und Habsucht genial auf den Punkt gebracht, das ist heute absolut aktuell“, erklärt Christian Kreiß die Brücke zum Reformator. Vor allem habe er den Menschen und sein Wohlergehen in den Mittelpunkt gestellt. „Wenn ich heute ein aktuelles Lehrbuch über Wirtschaftsethik lese, da wird es mir schlecht“, schildert er ziemlich unverblümt seine Gefühle.

Analyse und Kritik am aktuellen Zustand ist das eine, aber kann man tatsächlich etwas ändern? „Das ist nicht einfach, aber natürlich könnte man das“, meint der Ökonom. Man müsste die angeblich unerschütterlichen Axiome ändern, „wir sollten zuerst an den Hochschulen, diese dämliche Gewinnmaximierung herausnehmen.“ Außerdem müsse ein politischer Wille erkennbar sein, die Ungleichverteilung der Vermögen über Steuerpolitik und viele andere Maßnahmen anzupacken. Und das sind nur einige der Stellschrauben, die Christian Kreiß in seinem Vortrag anführt.

Vor allem aber sei auch jeder/jede Einzelne gefragt. „Wir müssen vor allem darüber nachdenken, was brauche ich wirklich, um der ständigen Überproduktion ein Ende zu bereiten“, regt der Ökonom an. Dabei bringt er auch immer wieder christliche Aspekte und das Besinnen auf die Bibel ein, „dass die Wirtschaftswissenschaft die sieben Todsünden als Tugenden präsentiert, das muss man erst mal hinbringen.“

Die Ansichten und Thesen von Dr. Christian Kreiß lassen sich auch detaillierter in seinem neuen Buch „Das Mephisto-Prinzip in unserer Wirtschaft“ nachlesen. Das gibt es als kostenlosen Download unter menschengerechtewirtschaft.de.